„Vorbilder – Frauen machen Wissenschaft“: Veranstaltungsreihe geht in zweite Runde
Anlässlich des 310. Geburtstags von Dorothea Erxleben, der ersten promovierten Ärztin Deutschlands, startete die Medizinische Fakultät im Jahr 2025 die Veranstaltungsreihe „Vorbilder – Frauen machen Wissenschaft“. Nun geht die Reihe in eine weitere Runde. An drei Terminen geben Wissenschaftlerinnen öffentliche Einblicke in ihre Forschung.
Jenseits der fachlichen Ebene wollten wir von den Referentinnen vorab erfahren, was ihren Werdegang geprägt hat und welche Ratschläge sie jungen Wissenschaftlerinnen mit auf den Weg geben möchten. Im Interview sprechen dazu Prof. Ivonne Regel (Tumorimmunologie), Dr. Nadine Bley (Molekulare Medizin) und apl. Prof. Susann Weihrauch-Blüher (Pädiatrie I).
Was ist der größte Mythos über Wissenschaftskarrieren, dem Sie begegnet sind?
Regel: Der größte Mythos ist, dass eine wissenschaftliche Karriere von langer Hand geplant sein muss. Gerade für Berufseinsteiger:innen ist die wissenschaftliche Laufbahn aufgrund von Befristungen, Tarifverträgen und wenigen Perspektiven nicht sehr attraktiv. Allerdings ist es für junge Frauen sehr schwierig, nach der Dissertation oder der ersten Postdoc-Phase eine Position außerhalb der akademischen Laufbahn zu bekommen. Letztendlich ergreift man die verschiedenen Gelegenheiten, die sich einem bieten, und es ist eher ein Entwicklungsprozess.
Bley: Dass man einen Masterplan braucht – und dass eine erfolgreiche Wissenschaftskarriere zwangsläufig in einer Professur münden muss. Ich wusste erstaunlich oft viel genauer, was ich nicht wollte, als wohin ich eigentlich wollte, und habe versucht, die Chancen zu nutzen, die sich ergeben haben. Dabei war mir immer wichtig, selbst Wissenschaft zu machen und zu gestalten und nicht irgendwann nur noch darüber zu sprechen, was andere tun. Rückblickend ist daraus ein Weg entstanden, den ich niemals hätte planen können – der aber sehr gut zu mir passt.
Wie werden Frauen zu Vorbildern?
Weihrauch-Blüher: Indem Frauen Verantwortung übernehmen – nicht nur für ihr Team, sondern auch für sich selbst. Indem sie in der Fachwelt Sichtbarkeit zeigen. Dies, gepaart mit Engagement für die Nachwuchsförderung, Kollegialität, offene und wertschätzende Kommunikation und Empathie macht meiner Meinung nach aus fachlicher Expertise erst eine Vorbildfunktion für andere.
Was hat Sie mehr geprägt: Mentor:innen oder Widerstände?
Bley: Ich hatte das große Glück, immer wieder Menschen zu begegnen, die an mich geglaubt, mir etwas zugetraut und mir Freiräume gegeben haben – oft schon bevor ich selbst sicher war, dass ich einer Aufgabe gewachsen bin. Natürlich gab es auch Widerstände, aber ich glaube nicht, dass man sie im Nachhinein größer machen muss, um eine gute Karrieregeschichte erzählen zu können. Viel entscheidender waren für mich Vertrauen, gute Zusammenarbeit und die richtigen Menschen zur richtigen Zeit.
Was würden Sie als Erstes tun, wenn Sie morgen Bundeswissenschaftsministerin wären?
Regel: Ich würde eine Kampagne zur Wissenschaftskommunikation starten. In den letzten Jahren ist das Vertrauen in Wissenschaftler:innen stark gesunken. Das empfinde ich als besorgniserregend, da ohne wissenschaftliche Erkenntnisse keine Innovationen vorangetrieben werden können. Bildung, Wissen und eine freie, unabhängige Wissenschaft sind das höchste Gut, das wir in Deutschland haben. Wir brauchen kluge Köpfe, kreative Ideen und kluge Entscheidungen, um neue Erkenntnisse in der Medizin und die Weiterentwicklung vieler Technologien voranzutreiben.
Erleben Sie noch strukturelle Hürden für Frauen in der Medizin?
Weihrauch-Blüher: Leider ja. In Klinikleitungen als auch in Führungsgremien von Fachgesellschaften zeigt sich der Wandel zwar bereits daran, dass Frauen zunehmend Leitungsfunktionen übernehmen. Dass solche Positionen für Frauen jedoch noch immer als Ausnahme statt Normalität wahrgenommen werden, zeigt aber, dass der Weg in Spitzenpositionen für Frauen weiterhin schwieriger ist als für männliche Kollegen.
Wo stehen wir in Sachen Gleichstellung in der Medizin heute?
Bley: Weiter als früher, aber sicher noch nicht am Ziel. Auf der einen Seite gibt es noch immer erstaunlich viele gewachsene Hierarchien und Führungskräfte, die Macht und Entscheidungsspielräume nur ungern teilen. Auf der anderen Seite wünsche ich mir manchmal auch von jungen Frauen etwas mehr Gelassenheit und Pragmatismus: Gleichstellung entscheidet sich für mich weniger an jeder Formulierung oder daran, jede mögliche Ungerechtigkeit zu vermeiden, sondern daran, ob Frauen Verantwortung übernehmen, gehört werden und tatsächlich mitentscheiden können. Dafür braucht es faire Strukturen – aber auch die Bereitschaft, vorhandene Spielräume selbstbewusst zu nutzen.
Welche Maßnahmen zur Gleichstellung haben Sie als wirklich wirksam erlebt?
Regel: Die beste Maßnahme ist es, wenn Gleichstellung bereits gelebt wird. Das heißt, Gremien, Arbeitsgruppen und Entscheidungsträger sollten aus vielen verschiedenen Personengruppen bestehen, sodass verschiedene Meinungen gehört und gegeneinander abgewogen werden können. So hat man bessere Chancen, einen guten Konsens zu erreichen, und trifft die besten Entscheidungen.
Wie gelingt heutzutage Karriere in der Wissenschaft?
Weihrauch-Blüher: Es braucht einen langen Atem – und ein gesundes Maß an Resilienz, um auch mit Rückschlägen umzugehen. Mit der Promotion können schon erste Erfahrungen in einem möglichen späteren wissenschaftlichen Schwerpunkt gesammelt werden. Und wenn möglich, sollte die klinische Tätigkeit möglichst früh mit einem wissenschaftlichen Forschungsthema gekoppelt und zusammen gedacht werden. Wichtig ist es aus meiner Sicht weiterhin, sich bereits frühzeitig ein Netzwerk aufzubauen, z. B. durch einen Forschungsaufenthalt in einer anderen Einrichtung. Das weitet nicht nur den Horizont für andere Wissenschaftssysteme, sondern kann den Grundstein legen für lebenslange Freundschaften und wissenschaftliche Kooperationen.
Was motiviert Sie an Tagen, an denen nichts klappt?
Bley: Meistens hilft es mir, einen Schritt zurückzutreten und mir etwas vorzunehmen, das ich tatsächlich zu Ende bringen kann – sei es auch nur eine kleine Sache. Ich bin ein Macher- und Finisher-Typ und brauche das Gefühl, dass am Ende des Tages wenigstens irgendwo ein Haken dran ist. Erstaunlich oft sieht das große Problem danach schon wieder etwas kleiner aus.
Regel: Das ist das Schöne an der Wissenschaft. Man hat eine sehr hohe Frustrationstoleranz, da man gelernt hat, mit Rückschlägen umzugehen. „Geht nicht“ gibt es nicht. Irgendeine Lösung, irgendeine Idee oder irgendeinen Kompromiss findet man immer. Und wenn doch mal gar nichts klappt, muss man den Rechner zuklappen und mit seiner Familie ein Eis essen gehen.
Weitere Einblicke gibt es bei den drei Terminen. Nach jeweils einem kurzen wissenschaftlichen Vortrag ist Raum für Fragen und Diskussionen. Im Anschluss laden Snacks, Getränke und eine lockere Atmosphäre zum Austausch ein.
Die Reihe richtet sich insbesondere an Wissenschaftler:innen und forschungsinteressierte Ärzt:innen. Ebenfalls willkommen sind alle Interessierten der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und der Öffentlichkeit.
Termine jeweils 15:00 Uhr bis 15:45 Uhr

22.10.2026
Prof. Dr. Ivonne Regel
zu „Grenzen verschieben für die Krebsfrüherkennung beim Pankreaskarzinom - mein Weg als Wissenschaftlerin“
Ernst-Grube-Str. 40, Haus 5 (Lehrgebäude), Seminarraum 2/3

26.11.2026
Dr. Nadine Bley
zu „RNA at the Center: From Post-Transcriptional Regulation to Cancer Therapy“
Ernst-Grube-Str. 40, Haus 5 (Lehrgebäude), Seminarraum 6/7

28.01.2027
apl. Prof. Dr. Susann Weihrauch-Blüher
zu „BMI neu gedacht: Body, Mind und Impact: Von Insulinresistenz zu Resilienz in der Wissenschaft“
Ernst-Grube-Str. 40, Haus 5 (Lehrgebäude), Seminarraum 2/3
