Neuer Ansatz für eine zuverlässigere Alzheimer-Diagnostik mittels Bluttests

Prof. Markus Otto (hinten), Dr. Samir Abu Rumeileh (rechts) und Massenspektrometrie-Experte Dr. Hennig Großkopf im Labor.

Forschende der Universitätsmedizin Halle haben ein Verfahren entwickelt, das Alzheimer-Bluttests zuverlässiger machen könnte. Bisher stützen sich kommerzielle Bluttests vor allem auf den Protein-Biomarker „pTau217“, dessen Konzentration bereits in einem frühen Alzheimer-Stadium ansteigen kann. Allerdings gibt es auch andere Erkrankungen, die erhöhte Werte verursachen und zu falsch positiven Ergebnissen führen können. In einer Studie mit 315 Personen zeigte das Forschungsteam, wie sich Alzheimer-typische Veränderungen genauer von denen anderer Erkrankungen unterscheiden lassen. Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift „Nature Communications“ veröffentlicht.

Für die kürzlich zugelassenen Alzheimer-Antikörpertherapien ist eine frühe und sichere Erkennung der Betroffenen wichtig, da diese Behandlungen in frühen Krankheitsstadien beginnen müssen. Bluttests bieten dafür ein großes Potenzial. Sie messen das phosphorylierte Tau-Protein (pTau), insbesondere pTau217. Dessen Blutkonzentration kann bei Alzheimer lange vor dem Auftreten schwerer kognitiver Beeinträchtigungen, wie etwa Störungen des Kurzzeitgedächtnisses, erhöht sein.

Wie Neurologen der Universitätsmedizin Halle jedoch selbst im Jahr 2025 zeigen konnten, sind erhöhte Werte dieses Biomarkers kein eindeutiger Hinweis auf eine Alzheimer-Erkrankung. So wurden auch bei Menschen mit Amyotropher Lateralsklerose (ALS), einer Erkrankung des motorischen Nervensystems, erhöhte Werte im Blut festgestellt. Neben Veränderungen im Gehirn kann auch geschädigtes Muskelgewebe zu den erhöhten Blutwerten beitragen.

Das Tau-Protein kommt in unterschiedlichen Formen vor. Eine „kleinere“ Form findet sich vor allem im Gehirn, während eine „größere“ Form auch in Nerven, Muskeln und womöglich weiteren Geweben vorkommt. „Herkömmliche Bluttests können die Tau-Formen nicht zuverlässig voneinander unterscheiden. Dadurch können erhöhte Messwerte fälschlich auf Alzheimer hindeuten, obwohl sie beispielsweise mit einer Muskel- oder Nervenerkrankung zusammenhängen“, erklärt Prof. Dr. med. Markus Otto, Direktor der Universitätsklinik und Poliklinik für Neurologie an der Universitätsmedizin Halle und Letztautor der Studie.

Ein Forschungsteam unter seiner Leitung arbeitete deshalb an einem optimierten Verfahren, um die Aussagekraft des etablierten pTau217-Bluttests zu verbessern. Das neue Verfahren umfasst zwei Schritte: Vor der eigentlichen Messung wird das gehirneigene kleine Tau mithilfe eines spezifischen Antikörpers aus der Probe isoliert.

Anschließend verglich das Team die bisherige Methode mit der neuen anhand von Blutproben von 315 Personen: 101 Menschen mit Alzheimer, 139 Menschen mit ALS sowie 75 Personen einer Kontrollgruppe. Die Proben stammten aus neurologischen Zentren in Halle, Mannheim und Mailand (Italien).

Bei der herkömmlichen Messung waren die pTau217-Werte sowohl bei Alzheimer als auch bei ALS erhöht. Nach dem zusätzlichen Anreicherungsschritt des neuen Verfahrens zeigte sich jedoch ein anderes Bild: „Die gemessenen Werte waren bei Alzheimer erhöht, nicht aber bei ALS oder den Kontrollpersonen. Somit konnte unser Verfahren die beiden Erkrankungen in der untersuchten Gruppe besser unterscheiden“, erklärt PD Dr. med. Samir Abu Rumeileh, Oberarzt an der Universitätsklinik und Poliklinik für Neurologie der Universitätsmedizin Halle sowie Erstautor der Studie.

Warum das neue Verfahren so eindeutige Ergebnisse liefert, zeigten vergleichende Analysen von Gehirn-, Rückenmarks- und Muskelgewebe mittels Massenspektrometrie. Das gehirneigene kleine pTau217 kommt im Muskelgewebe praktisch nicht vor. Somit lässt sich der Nachweis dieses Biomarkers gezielt den Alzheimer-typischen Veränderungen im Gehirn zuordnen.

Die Forschenden schlagen deshalb vor, das neue Verfahren in der Praxis gezielt als Ergänzung zu den bestehenden Bluttests einzusetzen. „Ein herkömmlicher pTau217-Test könnte weiterhin den ersten Hinweis liefern. Wenn das Ergebnis nicht zum Krankheitsbild passt oder eine Muskel- beziehungsweise Nervenerkrankung die Messung beeinflussen könnte, wäre das Zwei-Schritt-Verfahren sinnvoll, um Klarheit zu schaffen. So ließen sich falsch-positive Befunde vermeiden und Betroffene zuverlässiger für die neuen Alzheimer-Therapien auswählen“, so Abu Rumeileh.

Auch für die ALS-Forschung sind die Ergebnisse relevant: Künftig könnten Bluttests für die großen Tau-Formen dabei helfen, Schäden an Muskeln und Nerven bei ALS einzuschätzen und den Krankheitsverlauf zu verfolgen – ohne invasive Verfahren.

Bis das neue Verfahren im klinischen Alltag eingesetzt werden kann, sind weitere Schritte nötig. Die Messung muss standardisiert und in größeren, unabhängigen Patient:innengruppen geprüft werden. Die Arbeitsgruppe der Universitätsmedizin Halle ist aber zuversichtlich, dass es schon bald zur Routine gehören wird.

Hintergrund

Die Suche nach einfachen und zuverlässigen Methoden zur Alzheimer-Früherkennung beschäftigt Forschende weltweit. Eine Schlüsselrolle dabei spielt das Tau-Protein, das normalerweise die langen Leitungsbahnen der Nervenzellen stützt. Bei Menschen mit Alzheimer ist das Protein krankhaft verändert: Es löst sich von seinen Stützstrukturen und verklumpt innerhalb der Nervenzellen. Dadurch entstehen krankheitstypische Ablagerungen, die die Zellkommunikation stören und Nervenzellen absterben lassen. Erst im späteren Krankheitsverlauf treten die charakteristischen Symptome wie kognitive Beeinträchtigungen auf.

Die Studie wurde im Rahmen des Clinician Scientist- und Roux-Programms der Medizinischen Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) sowie dem Italienischen Gesundheitsministerium und dem Italienischen Ministerium für Hochschulwesen und Forschung gefördert.

Originalpublikation

Abu-Rumeileh, S., Großkopf, H., […], Otto, M. et al. Tau isoform mapping across tissues and biofluids reveals a signature distinguishing Alzheimer’s disease from amyotrophic lateral sclerosis. Nat Commun 17, 10745 (2026). https://doi.org/10.1038/s41467-026-78390-3