Schnelle Hilfe aus der Luft
Einzigartig in Europa: Die Medikamenten-Drohne „Pallidrohne“ darf seit Anfang 2026 Medikamente über besiedeltem Gebiet abwerfen. Für das Projekt, an dem die Universitätsmedizin Halle mit der AG Versorgungsforschung beteiligt ist, markiert das einen entscheidenden Schritt auf dem Weg der Drohne in die Versorgung.
In Zukunft könnten dringend benötigte Medikamente per Drohne bis an die Haustür geliefert werden, im besten Fall innerhalb weniger Minuten. Dafür müssen Patient:innen dann lediglich ihr E-Rezept über eine App erfassen. Anschließend wird das entsprechende Medikament in der Apotheke verpackt und hebt kurze Zeit später ab. Am Zielort muss die Drohne nicht einmal landen. Sie verlässt lediglich die Flughöhe, sinkt auf circa zehn Meter über dem Boden und öffnet die Bodenklappe. Ein bruchsicherer Karton wird an der Zieladresse abgeworfen und die Drohne fliegt zur Apotheke zurück.
Ganz entscheidend ist dabei der Abwurf, denn nach einer Landung müsste die Drohne durch eine geschulte Person überprüft werden. Gleichzeitig markiert die Erlaubnis des Luftfahrt-Bundesamts dafür den vorläufigen Abschluss eines Projekts, an dem die AG Versorgungsforschung unter der Leitung von Prof. Dr. Patrick Jahn seit 2021 beteiligt war. Im ersten Schritt wurde eine App entwickelt, die es ermöglicht, Online-Bestellungen bei der Medikamentendrohne aufzugeben. In einem zweiten Schritt wurden Anwendungsszenarien definiert, in denen die Zustellung getestet und unter anderem hinsichtlich ihres Potenzials und ihrer Akzeptanz wissenschaftlich ausgewertet werden kann.
In Notfällen Zeit gewinnen
Mit der akuten Palliativversorgung setzt „Pallidrohne“ in einem Bereich an, in dem Zeit ein wichtiger Faktor ist. Denn oft geht es um Notfälle im häuslichen Umfeld, in denen schmerzlindernde Medikamente schnell benötigt werden und Angehörige die Patient:innen nicht lange allein lassen wollen und können. Dieser Aspekt kann sich im ländlichen Raum mit längeren Wegen zur nächsten Apotheke und außerhalb von Öffnungszeiten dramatisch verschärfen. „Die Drohne kann hier eine Lücke schließen und die Versorgung durch die Apotheke deutlich erweitern“, sagt Martin Grünthal, Inhaber der Bauhaus-Apotheke in Dessau und federführend im Projekt.
Begleitforschung zum innovativen Projekt
Ob die Technologie und das Prozedere auch von Patient:innen und Pflegenden angenommen werden, untersucht das wissenschaftliche Begleitprojekt der Universitätsmedizin Halle. In einer aktuellen Vergleichsstudie werden Boten- und Drohnenlieferung einander gegenübergestellt und anhand zentraler Versorgungsdimensionen evaluiert: Im Einzelnen sind das die Zustellzeit, die wahrgenommene Entlastung bei Pflegenden, die Lebensqualität und Zufriedenheit von Patient:innen und Angehörigen sowie die Akzeptanz beider Liefermodelle. Dr. Franziska Fink und Anne Lehmann von der AG Versorgungsforschung sehen hierbei eine deutliche Tendenz, dass die Drohnenzustellung von Medikamenten positiv aufgenommen wird.
Bislang wurden 80 Flüge und 20 Lieferungen realisiert. Beim beteiligten Team der Spezialisierten Ambulanten Palliativversorgung (SAPV) in Dessau ist man längst überzeugt, dass die Zustellung aus der Luft Zeit und ungeplante Hausbesuche einspart. Zeit, die in der Palliativversorgung am Anhalt-Hospiz Dessau der SAPV und andernorts besser genutzt werden kann.
Das Projekt wird gefördert im Rahmen der „Translationsregion für die digitale Gesundheitsversorgung“ (TDG). Zum Team gehören neben der Apotheke, dem Hospiz und der AG Versorgungsforschung die Software-Agentur brain-scc aus Merseburg und der Drohnenhersteller Labfly aus Berlin. „Wir hoffen, dass wir jetzt mit der Abwurf-Genehmigung noch viele Testflüge machen und die Studie auf eine noch breitere Basis stellen können“, so Prof. Dr. Patrick Jahn, wissenschaftlicher Leiter der TDG.
Soll die Drohne in wenigen Jahren in einem noch größeren Gebiet einsatzfähig sein, braucht es vor allem Genehmigungen für weitere Lufträume, auch in ländlichen Gegenden. Das Pallidrohne-Team hat dafür die besten Voraussetzungen geschaffen.


